[1] Auszüge aus einem Buch von bzw. über Philipp Lahm haben einige Tage lang deutschen Sportjournalisten ein Thema gegeben. Man inszenierte das als Enthüllung und Skandal. Dabei gibt es wenig wirklich Neues zu lesen. Bezüglich des Arbeitsansatzes von Felix Magath hätte es z.B. gereicht, wenn sich die Journalisten an ihre Berichterstattung kurz nach der Trainerentlassung bei Schalke 04 erinnert hätten. Ein Tabu über Interna zu reden, war bislang auch unbekannt, man machte das nur anonym. Unmittelbar nach der Trainerentlassung dürfen nicht anonym Spieler die Aufgabe übernehmen, Gründe für die Trainerentlassung zu nennen und damit das Management aus der Rechtfertigungsnotlage zu befreien, warum das, was ein paar Tage zuvor richtig war, heute ganz falsch ist. Aber die Zusammenstellung von mehreren, langfristig ungenügenden Arbeitsansätzen von Trainern ist eine originäre Leistung von Philipp Lahm. Die Beziehung zwischen Trainer und Mannschaft kann man als retardiertes Ultimatumspiel skizzieren. Die bekannt gewordenen Auszüge können diesen Modellansatz bestätigen.
"Ein guter Trainer verfügt über Autorität und eine Ausstrahlung, um seine Ideen auf die Mannschaft zu übertragen. Aber die Zeit der Trainer, die mit ihren Spielern nur reden, um ihnen Befehle zu erteilen, ist vorbei. Ein moderner Trainer muss eine Mannschaft zwar führen, aber er darf sie nicht gegen den Willen der Spieler zu einer Spielweise verpflichten, die der Mannschaft nicht angemessen ist!"
Wenn der Trainer nicht den angemessenen Ausgleich mit den Spielern sucht, hören die Spieler irgendwann dem Trainer nicht mehr zu. Die Angebote des Trainers werden als unfair abgelehnt. Der Mannschaftserfolg bleibt unterhalb den Erwartungen, was entweder die Ablehnung durch die Spieler fördert oder durch sie verursacht wird. Da es unmöglich ist, kurzfristig den gesamten Spielerkader zu ersetzen, bleibt dem Management in einer solchen Situation als Entscheidungsalternative nur die Trainerentlassung. Der Trainer sollte diese Situation also vermeiden.
[2] Beispiel für einen ersten Trainertyp wäre Felix Magath, der die Spieler unter Druck setzt und dadurch Leistung erzwingen will. Irgendwann durchschauen die Spieler diesen Ansatz, wissen, daß sie dabei nicht viel gewinnen können und lehnen das ab. Dieses Ende kann schnell durch eine im Fußball langfristig unvermeidliche Niederlagenserie gefördert werden. Felix Magath versucht dem zu entkommen, indem er dauernd Spieler unter Vertrag nimmt bzw. aus dem Vertrag entlässt, und so immer hinreichend viele Spieler im Kader hat, mit dem die Interaktion noch nicht den Endzustand des Ultimatumsspiels erreicht hat. Der Ansatz ist aber nicht immer möglich, insbesondere bei einem Verein, der oben mitspielt und viele Stars hat.
"Felix Magath arbeitet mit Druck. Er lässt viele Spieler im Ungewissen, ob er auf sie setzt, und holt auf diese Weise das Maximum an Einsatz aus ihnen heraus. Für die Spieler ist das sehr anstrengend, und es kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo sie nicht mehr auf der Seite des Trainers stehen."
Vom zweiten Trainertyp wäre Rudi Völler, der, vielleicht das negative Ende des Ultimatumspiels antizipierend, vermeidet, Druck auf die Spieler auszuüben. Die mangelnde Forderung der Spieler führt zu anderen Problemen. Die Euphorie eines Sieges in einem Turnier mag bei den nächsten Spielen helfen wie die Betroffenheit einer Niederlage weitere Niederlagen im Turnier wahrscheinlicher macht. Das Rätsel des so unterschiedlichen Abschneidens der deutschen Mannschaft bei der WM 2002 und der EM 2004 könnte also verstanden werden. Nach einer Niederlagenserie bleibt nur die Trainerentlassung bzw. der Trainerrücktritt, wenn der selbst in dieser Situation von seiner Nettigkeit nicht lassen kann. Andererseits erwartet dieser Trainertyp gerade den Verzicht auf jede Kritik durch den Spieler, da er ja immer nett zu ihm gewesen ist.
Vom dritten Trainertyp wäre Jürgen Klinsmann, der nicht nur nett ist, sondern die Spieler auch fit macht. Die Äußerungen von Philipp Lahm deuten daraufhin, daß das zwar eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung ist. Der Trainer soll auch aufgeben, wie zusammengespielt werden soll. Wenn der Trainer dazu keinen Beitrag leisten kann, verliert der Trainer das Ansehen der Spieler, sie lehnen also sein Handeln oder Nichthandeln als unangemessen ab.
"Bei Klinsmann trainierten wir fast nur Fitness. Taktische Belange kamen zu kurz. Wir Spieler mussten uns selbstständig zusammentun, um vor dem Spiel zu besprechen, wie wir überhaupt spielen wollten. Nach sechs oder acht Wochen wussten bereits alle Spieler, dass es mit Klinsmann nicht gehen würde. Der Rest der Saison war Schadensbegrenzung."
Vom vierten Trainertyp wäre Louis van Gaal, der den Spieler sagte, wie sie spielen sollen. Diese Qualität mag man als Trainerintelligenz bezeichnen. Unvermeidlich tauchen bei einer Spielweise Probleme auf. Wenn die durch die Spieler wahrgenommenen Probleme vom Trainer ignoriert werden, kommt der Trainer auch in die Situation, daß seine Entscheidungen als unangemessen abgelehnt werden. Der Mannschaftserfolg wird unter den Erwartungen bleiben.
"Louis van Gaal hat einerseits den Verdienst, dem FC Bayern eine Spielphilosophie verordnet zu haben, mit der wir eine Saison extrem erfolgreich waren. Andererseits hat er sich während seiner zweiten Saison schlicht geweigert, die Mängel seiner Philosophie zur Kenntnis zu nehmen und zu beseitigen."
Ein Nationalmannschaftstrainer ist nicht bei dem Ultimatumspiel in der gleichen Weise wie ein Vereinstrainer gefordert. Dennoch scheint intelligente Kommunikation des Trainers an den Spieler die Trainerakzeptanz durch den Spieler zu erhöhen, wie die Äußerungen über Joachim Löw andeuten. Die Einsicht in die begrenzten Möglichkeiten eines Nationalmannschaftstrainers führt auch dazu, daß die Trainerakzeptanz durch die Spieler nicht leidet, wenn die Mannschaftsauswahl selbst in mehrere Gruppen zerfällt. Offenbar gab es ein nach der WM 2006 entstandenes Problem in der deutschen Auswahl, wenn die älteren Fastweltmeister 2006 meinten, die Zügel in der Hand zu halten, ohne doch dies durch ihre Spielweise nachzuweisen. Das brach bei der EM 2008 auf. Die Wiederholung wurde bei der WM 2010 durch eine Schicksalsfügung vermieden. Philipp Lahm leistet immerhin einen Beitrag zu der Aufklärung, warum Michael Ballack und Torsten Frings bei der EM 2008 eine enorme Fehlpassquote zeigten und trotzdem das Kommando führten oder warum Michael Ballacks Gesicht bei dem Freistoßtor so aussah wie es aussah. Diese Seltsamkeiten sind vorher von den Sportmedien nicht aufgeklärt worden, dabei hat das Erkenntniswert. Wenn diese Spieler bei der WM 2010 teilgenommen hätten, hätte die deutsche Mannschaft eventuell so abgeschnitten wie bei der EM 2004.
[3] Philipp Lahm ist von vielen Leuten kritisiert worden, daß man im Fußballgeschäft Interna nicht nach außen trägt. Wie die Vorberichterstattung über den gestrigen Bundesligasamstag über den HSV und Michael Oenning zeigt, werden Interna aber dauernd nach draußen getragen, wenn der Mannschaftserfolg ausbleibt. Die Entscheidung über eine Trainerentlassung braucht diese massenmediale Begleitung. Dagegen scheint die analytische Aufarbeitung von mehrjährigen Erfahrungen unter das Tabu zu fallen. Offenbar scheint sich das Fußballgeschäft noch im Zeitalter der Voraufklärung zu befinden, wo Entscheidungen und Hierachien in tribalisiert strukturierten Netzwerken entstehen werden und Kommunikation von außen als zu unterdrückende Störung wahrgenommen wird. Wenn aber die Passgenauigkeit einer Mannschaft auch von der Intelligenz der Spieler abhängt, kann man von dieser Intelligenz nicht zugleich erwarten, daß sie Unzulänglichkeiten des Trainers nicht wahrnimmt. Es mag einen Fortschritt im Fußball geben, wo geeignete Kommunikation helfen kann, die Tabuisierung aber nicht mehr.